Nichts in dir ist zu Ende

Sechster Sonntag der Osterzeit, Lesejahr A · 10. Mai 2026
Erste Lesung: Apg 8,5–8.14–17
Zweite Lesung: 1 Petr 3,15–18
Evangelium: Joh 14,15–21

Vollständiger Text auf Schott (Erzabtei Beuron): https://schott.erzabtei-beuron.de/osterzeit/woche6/SonntagA.htm


Stellt euch ein Paar Hände vor. Die Hände eines Fischers, an den Daumen voller Schwielen, an den Knöcheln vernarbt von Jahren mit Netzen und Tauen. Einst, auf einer staubigen Straße durch Samarien, ballten sich diese Hände zu Fäusten, und ihr Besitzer wandte sich an Jesus: „Herr, willst du, dass wir sagen, dass Feuer vom Himmel falle und sie verzehre?“ (Lk 9,54). Hände, die zerstören wollten.

Spult nun nach vorn. Ein paar Jahre vergehen. Dieselben Hände. Dieselben Schwielen, dieselben Narben. Und sie ruhen nun auf den Köpfen von Samaritern und beten, dass ein Feuer anderer Art herabfalle. Ein Feuer, das Leben schenkt. Der Heilige Geist, herabkommend durch eben jene Hände, die diese Menschen einst auslöschen wollten (Apg 8,14-17).

Das ist Johannes. Wir wissen nicht, ob es dieselben Samariter waren, die er einst vernichtet sehen wollte. Vielleicht waren sie es. Mit Sicherheit aber waren es ihre Verwandten, die an denselben Wegen wohnten. Und Johannes wusste es.

Was hat ihn verändert? Pfingsten. Der Geist kam auf ihn herab, in einem überfüllten Raum in Jerusalem (Apg 2,3), und langsam, ganz still, formte er den Menschen in seinem Innern neu.

Viele von uns sind heute in die Kirche gekommen und tragen etwas mit sich, das wir im Stillen aufgegeben haben. Etwas in uns selbst. Eine Gewohnheit, die wir nicht mehr zu durchbrechen versuchen. Eine falsche Beziehung, von der wir wissen, dass wir sie verlassen sollten, und doch können wir es nicht, weil ein Teil von uns noch immer will, was sie bietet. Wir sagen: „So bin ich nun einmal. Das ist mein Schicksal.“

Doch hört dies: Nichts in euch ist zu Ende, bevor Gott es für zu Ende erklärt. Das Urteil, das ihr über euch selbst gesprochen habt, ist nicht das Urteil, das Gott über euch spricht.

Schaut auf Johannes. Er hätte gelacht, wenn man ihm gesagt hätte, dass seine Hände diese Menschen eines Tages segnen würden. Er hätte gesagt: „Unmöglich.“ Er hätte sich geirrt.

Da ist noch eine Geschichte. Zwei Brüder. Der jüngere stahl, was dem älteren zugedacht war, und der ältere schwor: „Wenn mein Vater gestorben ist, werde ich meinen Bruder umbringen“ (Gen 27,41). Der jüngere floh. Zwanzig Jahre vergingen. Als der Flüchtling zurückkehrte, ritt der ältere mit vierhundert bewaffneten Männern aus. Doch er stieg von seinem Pferd, lief ihm entgegen und fiel dem Mann um den Hals, den er einst hatte töten wollen, und weinte an seiner Schulter (Gen 33,4). Das ist Esau. Zwanzig Jahre des „Ich werde niemals vergeben“ lösten sich an einem Flussufer auf. Die Schrift sagt uns nicht, wann sich sein Hass gewandelt hat. Sie zeigt uns nur die Umarmung.

So wirkt der Geist. Leise. Geduldig. Er öffnet das Schloss von der anderen Seite. Jesus nennt ihn „den Beistand, den Geist der Wahrheit, der bei euch bleibt und in euch sein wird“ (Joh 14,17).

Was immer ihr in euch selbst abgeschrieben habt, sprecht das letzte Wort noch nicht. Der Gott, der einen Donnersohn in ein Gefäß der Barmherzigkeit verwandelt und zwanzig Jahre Hass in eine Umarmung verwandelt hat, ist genau jetzt in euch am Werk, ob ihr es spürt oder nicht.

Nehmt euch in dieser Woche eine Sache vor, die ihr aufgegeben habt. Bringt sie zu ihm: „Herr, ich kann das nicht ändern. Du kannst es. Fang in mir an.“ Und dann geht behutsam weiter. Derselbe Geist, der die Fäuste des Johannes geöffnet hat, ist in euren am Werk. Das Feuer fällt schon.

Amen.

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