Sonntag, 2. August 2026 — 18. Sonntag im Jahreskreis, Lesejahr A
Erste Lesung: Jes 55,1-3
Zweite Lesung: Röm 8,35.37-39
Evangelium: Mt 14,13-21
Die Lesungen in der Einheitsübersetzung beim Katholischen Bibelwerk: https://www.bibelwerk.de/fileadmin/sonntagslesung/a_jahreskreis.18_e_mt.14.pdf
Manchmal überfallen uns traurige Gedanken. Wir hängen dann an dem, was wir verloren haben. Vielleicht ist es der alte Job, und wir wünschten, wir hätten damals den Mund aufgemacht. Oder eine zerbrochene Ehe, und man fragt sich unaufhörlich: Was habe ich übersehen? Oder wir denken an einen Menschen, den wir schmerzlich vermissen. Und dann sitzen wir auf einem fröhlichen Fest, sehen eine Familie, die noch unversehrt wirkt, und plötzlich wird alles in uns unendlich schwer. Niemand sucht sich das aus. Schmerz bleibt einfach nicht gern still sitzen. Er sucht sich seinen Weg. Mal wandert der Blick zurück, mal zur Seite, auf das scheinbar perfekte Leben der anderen.
Im heutigen Evangelium gibt es ein Detail, das wir leicht überlesen. Bevor Jesus das Brot teilt, steigt er in ein Boot. Er hatte gerade erfahren, dass Johannes der Täufer tot ist. Da zieht er sich an einen einsamen Ort zurück (Mt 14,13). Johannes war nicht irgendwer. Er war sein Cousin. Der, der schon im Mutterleib vor Freude hüpfte (Lk 1,41-44). Der ihn im Jordan taufte (Mt 3,13-17). Und nun war er tot, ermordet auf einer Party, als makabrer Preis für einen Tanz (Mt 14,6-11). Was tut Jesus? Genau das, was jeder Mensch tut, der verletzt ist. Er sucht Stille. Er muss diesen Schmerz aushalten. Wir vergessen oft: Das berühmteste Festmahl der Bibel beginnt eigentlich mit tiefer Trauer.
Aber Jesus bekommt seine Stille nicht. Die Leute sehen das Boot, laufen am Ufer entlang und warten schon auf ihn (Mt 14,13). Tausende Gesichter blicken ihn an. Er hätte jedes Recht der Welt gehabt, sie wegzuschicken. Aber er tut es nicht. Er hat Mitleid (Mt 14,14). Sein eigener Kummer macht sein Herz nicht hart. Im Gegenteil. Wer selbst blutet, sieht die Wunden der anderen viel klarer. Unser eigener Schmerz schaut oft nur zurück oder starrt auf die anderen. Jesu Schmerz schaut nach vorn. Er sieht die Kranken, er heilt sie (Mt 14,14). Und am Abend gibt er ihnen allen zu essen (Mt 14,15-21).
Das ist der Kern für uns heute: Man muss nicht erst völlig geheilt sein, um Liebe weiterzugeben. Jesu Herz weinte noch um Johannes, als es sich für diese riesige Menge öffnete. Fünftausend Menschen wurden von einem Mann satt gemacht, der selbst mitten in der Trauer steckte. Die Trauer hat ihn nicht gelähmt. Und sie muss auch uns nicht lähmen.
Denken wir nur an Rut. Eine junge Witwe im fremden Land, der Mann gerade gestorben (Rut 1,3-5). Ihre Schwiegermutter Noomi hatte sogar Mann und beide Söhne verloren (Rut 1,5). Noomi drängt sie: Geh zurück, rette dich selbst (Rut 1,8). Aber Rut weigert sich. Sie sagt diesen berühmten Satz: Wohin du gehst, dahin gehe auch ich (Rut 1,16). Auch sie kreist nicht um sich selbst. Sie reicht einer Frau die Hand, die noch viel mehr in Trümmern liegt. Und Gott nimmt diese mutige, trauernde Liebe und setzt Rut direkt in den Stammbaum von Jesus (Mt 1,5).
Jesus lebt uns vor, wie wir mit Kummer umgehen können. Er sucht das Boot, um allein zu sein (Mt 14,13). Und als alle versorgt sind, steigt er nachts auf den Berg, um zu beten (Mt 14,23). Er rennt nicht vor der Traurigkeit weg. Er trägt sie. Stille, dann Zuwendung, dann wieder Stille. Das ist ein Rhythmus, der uns trägt. Nehmen Sie sich Ihr Boot, wenn Sie es brauchen. Steigen Sie auf Ihren Berg, wenn der Tag vorbei ist. Nichts von dem, was wir betrauern, trennt uns von der Liebe Gottes (Röm 8,35-39).
Wir müssen nicht warten, bis der Schmerz ganz weg ist. Gott erwartet keine perfekten, völlig reparierten Menschen. Er bittet uns nur, das zu bringen, was wir gerade haben. Unsere fünf Brote, unsere zwei Fische (Mt 14,17). Unser eigenes, oft so verwundetes Herz. Er wird es segnen. Jesus hat nicht gewartet, bis die Trauer verflogen war, um das Brot zu brechen. Wir müssen es auch nicht.
Gott segne uns alle. Amen.